Fokale Dystonie – Therapie 2


Vorbemerkung

 

Um es gleich vorweg zu nehmen: Botox ist keine Lösung! Denn, was passiert, wenn wir uns Botox in die Muskeln spritzen lassen? Die Nervenenden veröden und können die Signale, die das Hirn sendet, nicht mehr an den Muskel weitergeben. Der Muskel ist zwar locker, aber er ist auch nicht mehr zu gebrauchen, denn er kann jetzt gar nichts mehr machen. Aber viel schlimmer ist, dass das innere Sensorium dem Gehirn meldet, dass der Muskel nicht mehr zieht, also reagiert das Hirn wieder mit einer Verstärkung des Impulses an den Muskel…

 

Wie schon im ersten Teil angedeutet, müssen wir das Gehirn ein wenig austricksen, um die gespeicherten motorischen Abläufe zu ändern. Wir tun das, indem wir nun nicht mehr versuchen, die gelernte Bewegung anders auszuführen, also umzulernen, oder etwas Gelerntes zu vergessen. Damit tut sich das Hirn, zumindest bei motorischen Abläufen, generell etwas schwer. Es ist uns, nebenbei gesagt, auch völlig unmöglich, willentlich Erinnerungen zu ändern oder zu löschen!

 

Wir geben dem Gehirn stattdessen die Aufgabe, etwas ganz Neues zu lernen, denn Neues lernen kann es am besten. Und zwar soll es lernen, uns die bewusste Kontrolle über die Lockerheit einzelner Muskeln zu verschaffen. Diese Kontrolle hat bis jetzt ausschließlich unser Gehirn. Wir selbst können weder Muskeln einzeln genau ansteuern, noch den Grund- oder Ruhetonus oder das Verhalten in vagotonen Phasen wie dem Schlaf beeinflussen. Wir können uns zwar bewegen, aber wie genau die Muskeln dafür eingesetzt werden, welcher Muskel genau und mit welcher Kraft zieht oder welcher Muskel unbeteiligt ist, entzieht sich unserer direkten Kontrolle. Diese Werte hat das Gehirn im Unterbewusstsein abgespeichert und es stellt uns lediglich die gewünschte Bewegung zur Verfügung.

 

Das ist auch sehr sinnvoll, denn das Gehirn hat die Aufgabe, uns zu ermöglichen, mit der Außenwelt zu interagieren und all das zu erlernen, was dazu nötig ist. Aber alles was im Inneren des Körpers abläuft, geht uns eigentlich nichts an, das wird vom Gehirn gesteuert: Herzschlag, Atmung, Peristaltik, Hormonhaushalt, Blutdruck, Drüsenfunktionen, Schlaf, Energieverwaltung usw.. Die Sinnesorgane sind alle nach außen gerichtet, aber erst nach dem Abgleich mit gemachten Erfahrungen (unsere Filter) werden uns ihre Daten zur Verfügung gestellt, so dass wir mit der Außenwelt interagieren können. Gelegentlich werden mal verschlüsselte Daten aus dem Körperinneren an das Bewusstsein gesendet, die wir dann zum Beispiel als Hunger wahrnehmen. Das dient aber nur der Existenzerhaltung des Gesamtsystems. Das Hirn teilt uns also mit, dass der Energiebedarf gedeckt werden muss und dass wir uns um Nahrung kümmern sollen. Wenn die Nahrung dann da ist, übernimmt das Gehirn wieder selbst die Weiterverarbeitung im Körperinneren, und diese Vorgänge laufen komplett unbewusst ab.

 

Herangehensweise

 

Zunächst müssen wir die fokale Dystonie genau analysieren. Haben wir mehrere Fehlbewegungen, beginnen wir mit der, welche sich am schlimmsten auswirkt, die anderen betroffenen Stellen werden jetzt noch nicht berücksichtigt. Die Dystonie wird bewusst ausgelöst indem wir uns an die Gitarre setzen und spielen, und nun wird geschaut und erfühlt, welche Muskeln zu stark ziehen oder verkrampfen.

 

Wenn man es genau wissen will, kann man sich gern die einzelnen Muskeln und die Bewegungen die von ihnen gemacht werden, im Internet anschauen. Für sehr empfehlenswert halte ich die Seite http://flexikon.doccheck.comHier wird beispielsweise die Streckung des Zeigefingers beschrieben. Man muss es aber nicht unbedingt ganz genau wissen. Es genügt, wenn man weiß, wo die betroffenen Muskeln sich im Arm oder in der Hand befinden.

 

Jetzt versuchen wir, zunächst sehr langsam, Anschlagsbewegungen zu machen und konzentrieren uns dabei einzig und allein auf den Muskel, der die Fehlbewegung macht. Es ist sehr wichtig, dass jetzt die ganze Konzentration umgelenkt wird: weg von dem anzuschlagenden Ton, der Saite, der Gitarre (manipulierbare Außenwelt mittels der Bewegung von Gliedmaßen), hin zur Muskulatur (unkontrollierbares Körperinneres). Es ist egal, wie der Ton klingt und ob der Finger die Saite trifft. Wichtig ist nur, dass wir ein Gefühl für den Muskel bekommen und dafür, wie er sich bewegt. Selbstverständlich wird die Fehlbewegung dabei immer wieder ausgelöst, aber wir versuchen (also befehlen es dem Gehirn), den Muskel zu entspannen, während sich der Finger bewegt. Wir müssen also immer, wenn die Muskeln sich bei der Bewegung verkrampfen, dem Unterbewusstsein sagen: “falsch!” und dann sofort das Ersatzprogramm versuchen anzuwenden (befehlen): “Muskel entspannen!”.

 

Das ist eine sehr intensive und kraftraubende Arbeit, besonders, weil wir nicht nachlassen dürfen, uns zu konzentrieren. Es nützt nichts, möglichst viele Anschläge zu machen. Lieber zwei Anschläge pro Minute mit voller Konzentration auf die Muskeln, als sechzig pro Minute, bei denen wir unkonzentriert vor uns hin klimpern. Diese Übung führt nicht gleich nach einer oder zwei Stunden zum Erfolg, denn das Gehirn muss erstmal lernen, uns die innere Sensorik zur Verfügung zu stellen. Erst dann können wir den Muskel überhaupt wahrnehmen und erst dann sind wir in der Lage, zu beurteilen, wann der Muskel locker ist. Die optische Kontrolle der Bewegung ist am Anfang sehr hilfreich, weil wir es zuerst sehen, wenn ein Muskel locker ist, bevor wir es erspüren können. Diese Arbeit kann bei vier Stunden am Tag durchaus einige Wochen dauern. Je mehr wir täglich üben und je konzentrierter wir arbeiten, desto schneller kommen wir zum Erfolg.

 

Ein erster Teilerfolg zeigt sich, wenn der Muskel warm wird, das kommt daher, dass das Blut viel besser durch den nun entspannteren Muskel fließen kann. Wenn die Dystonie immer seltener auftritt, ist das zwar ein weiterer wichtiger Meilenstein, aber wir sind noch lange nicht fertig. Es kann zu einem bestimmten Zeitpunkt passieren, dass der Muskel unkontrolliert anfängt zu zittern, und das ist dann der Durchbruch! Denn jetzt versucht das Hirn zwar noch, die alte Korrekturbewegung auszulösen, aber die wurde ja immer wieder von uns mit “falsch” bewertet und als richtige “Bewegung” die Entspannung des Muskels versucht. Das Hirn weiß jetzt quasi nicht mehr, was denn nun richtig sein soll und macht vorsichtshalber beides kurz nacheinander immer im Wechsel. Das äußert sich dann in dem Zittern. Und genau in diesen Momenten sagen wir dem Hirn, was es zu tun hat und entspannen ganz bewusst und konzentriert den Muskel. Diese wenigen Sekunden des Zitterns sind die Phasen, in denen wir am meisten vorankommen, weil wir das Gehirn sozusagen direkt umprogrammieren können.

 

Irgendwann verschwindet das Zittern, das kann je nach  Arbeitspensum ein, zwei Tage oder eine Woche dauern. Das ist der Zeitpunkt, an dem wir nun die gesamte Bewegung, zum Beispiel den Anschlag des Zeigefingers beim Wechselschlag, neu erlernen können. Wir konzentrieren uns dabei weiter auf die Lockerheit der Muskulatur, können jetzt aber auch schon versuchen, die Saite genau zu treffen, die Anschlagsstärke zu bestimmen und die Bewegung mit den Nachbarfingern zu koordinieren.  Wir können zum Beispiel eventuell nötige Ausweichbewegungen der anderen Finger ganz bewusst üben. Auch einzelne leichte Phrasen aus bekannten Stücken können schon geübt werden – aber Vorsicht! Mit den auswendig gelernten Stücken sind alle Bewegungsmuster abgespeichert, auch die falschen! Deshalb kann es immer wieder mal passieren, dass man zurückgeworfen wird und die Dystonie wieder auftritt. In solchen Fällen spielen wir die Phrase immer und immer wieder und konzentrieren uns wieder ausschließlich auf die Lockerheit der betroffenen Muskeln und nicht auf die Musik. Es ist jetzt noch nicht wichtig, dass das Stück richtig gespielt wird. Jetzt ist wichtig, dass die Muskulatur locker wird. Am Stück arbeiten wir erst weiter, wenn wir unsere Finger wieder unter Kontrolle haben.

 

Wenn die Bewegung neu erlernt ist und wir sie wiederholt erfolgreich ausführen können, ohne uns noch darauf konzentrieren zu müssen, können wir uns allen weiteren Dystonien zuwenden, falls wir welche haben. Dabei wenden wir bei jeder einzelnen immer wieder die beschriebene Methode an.

 

Wenn wir die Prozedur erst einmal an einer Stelle der Hand durchgestanden haben, wird uns die Arbeit an den anderen Dystonien immer leichter fallen und wir werden auch immer weniger Zeit benötigen.

 

Persönliche Erfahrungen

 

Ich wusste bei meiner eigenen Behandlung noch nicht, welche Bedeutung das Zittern hat, hatte aber schon die Vermutung, dass es ein gutes Zeichen ist. Da ich mir aber nicht sicher war, machte ich vorsichtshalber immer weiter. Es stellten sich nun merkwürdige Körperwahrnehmungen ein: zuerst spürte ich, wann immer der Muskel vollkommen locker war, ein sehr angenehmes Kribbeln im Muskel. Ich interpretiere das als Signal an das Hirn, dass der Muskel jetzt locker ist. Später merkte ich, dass ich die Lockerheit – inzwischen an mehreren Stellen im Arm und in der Hand – ganz schnell mit einem einzigen bewussten Befehl in die Muskulatur herbeiführen kann, dieser Zustand wurde dann von diesem angenehmen Kribbeln begleitet. Damit war dann auch der Lernerfolg erzielt, denn genau das hatte ich ja trainiert: Kontrolle über die Lockerheit einzelner Muskeln. Den Befehl kann ich in alle trainierten Muskeln einzeln oder aber in den gesamten Arm geben. Das half übrigens einige Male im Livekonzert, ich konnte einfach eine kurze Anspannung sofort loswerden und locker weiterspielen.

 

Später machte ich noch eine weitere Entdeckung: Das Entspannen bestimmter Muskelgruppen funktionierte plötzlich auch im linken Arm! Das Hirn hatte vorsichtshalber gelernt, mir die Kontrolle gleich auch noch über die Lockerheit der Muskulatur im anderen Arm zu ermöglichen. Und dabei habe ich den linken Arm nie trainiert! Völlig entgeistert war ich dann, als ich feststellte, dass ich die entsprechenden Muskelgruppen, die im Arm trainiert worden waren, nun auch in den Beinen und Füßen bewusst entspannen konnte! Das hatte ich natürlich nie so gewollt oder trainiert.

 

Ich habe irgendwann mit dem Training an der Lockerheit aufgehört, um wieder Stücke zu spielen. Das Kribbeln in der Muskulatur hat deutlich nachgelassen, ich kann es nur noch spüren, wenn ich mich wieder mindestens eine Stunde lang auf die Muskeln konzentriere. Der Befehl an die Muskeln, sich sofort zu entspannen, funktioniert aber – selbst nach Jahren – immer noch genauso gut, auch mitten im Gitarrespiel.

 

Weitere Begleiterscheinungen

 

Es kann vorkommen, dass man unbewusst auch noch andere Muskelgruppen entspannen lernt, so spüre ich die Lockerheit zum Beispiel in der rechten Kaumuskulatur. Außerdem wird mein rechtes Ohr sofort heiß (durchblutet), wenn ich den Befehl zum Entspannen in den Arm schicke. Das stört mich in keiner Weise, aber ich muss einräumen, dass ich es mir nicht bis ins letzte Detail erklären kann.

 

Heute ist es mir nicht mehr möglich, die alten fokalen Dystonien auszulösen. Die alten Bewegungsmuster sind durch die neuen vollständig ersetzt worden.

 

Meine Erfahrungen sind sicher nicht übertragbar oder zu verallgemeinern. Ich würde mich aber nicht wundern, wenn der eine oder andere ähnliche Erfahrungen macht, je mehr er an der Lockerheit seiner Muskulatur arbeitet.

 

Dauer der Therapie

 

Um noch einen ungefähren Zeitrahmen anzugeben: ich habe insgesamt etwa zwei Jahre gebraucht, um die gesamte Bewegungsstruktur des rechten Arms und der Hand völlig neu zu erlernen. Wie schon erwähnt, hatte ich sechs mehr oder weniger ausgeprägte fokale Dystonien in der Hand und drei verschiedene Muskelpartien, die in der Schulter und im Rücken Probleme machten. Zwei Jahre sind eine lange Zeit, aber es darf nicht vergessen werden, dass ich bei der Entwicklung der Methode noch keine Ahnung hatte, ob sie funktionieren würde. Deshalb habe ich auch immer wieder herumprobiert und optimiert. Zum Beispiel habe ich es nicht immer so genau genommen mit der Konzentration in den Muskel hinein, weil ich damals noch nicht wusste, wie wichtig das ist. Es kann also durchaus möglich sein, dass andere Gitarristen wesentlich weniger Zeit benötigen, wenn sie sich besser konzentrieren als ich es getan habe. Außerdem war ich nicht immer so fleißig wie ich es hätte sein können – und: ich bin neuronal langsam, mir fällt es generell schwer, etwas Neues zu lernen.

 

Zum Schluss

 

Jede fokale Dystonie ist anders und erfordert eine individuelle Herangehensweise. Das Beispiel unseres Gitarristen mit dem gestreckten Zeigefinger ist zwar ein wahrer Fall, aber es ist ein vereinfachendes Beispiel. Meistens treten mehrere fokale Dystonien gleichzeitig auf. Es gibt auch noch einige ganz spezielle Methoden und Herangehensweisen, die geeignet sind, ganz bestimmte Dystonien abzutrainieren, aber diese Einzelheiten würden hier zu weit führen.

 

Ich stehe jedem sehr gern beratend zur Verfügung, der sich vorgenommen hat, seine Beschwerden loszuwerden und die hier vorgestellte Methode auszuprobieren.

 

 

Vielen Dank an dieser Stelle an meinen befreundeten Kollegen Eike Kullak, der mich zu diesem Beitrag inspiriert hat und mir mit fachkundigem Rat und ergänzenden Erkenntnissen aus der Forschung zur Seite stand!

 

Markus Kruzfeld, 2017


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

2 Gedanken zu “Fokale Dystonie – Therapie

  • Bernd C. Hoffmann

    Die folgenden beiden Kommentare sind dem Klassikgitarre-Forum entnommen, in welchem sich gerade eine interessante und ergänzende Diskussion zum Thema entwickelt. Gruß Markus

    Re: Fokale Dystonie
    Beitragvon Bernd C Hoffmann » Mo 18. Sep 2017, 23:47

    Ich habe nun den Teil der Therapie gelesen. Nicht alles deckt sich mit meiner Erfahrung. Bei Botox gehen die Meinungen (nicht bei uns) auseinander, weil durch die Lahmlegung des Muskels die Fehlbewegung unterdrückt wird und man sich besser auf die korrekte Form konzentrieren kann. Ob dabei die Nervenenden tatsächlich verödet werden, möchte ich bezweifeln. Zum Einen gibt es genügend Beispiele von Betroffenen, die im Retraining unter Zuhilfenahme von Botox therapiert wurden, zum Andern wird Botox fürs Facelifting eingesetzt, wo u. a. die Muskulatur im Stirnbereich lahmgelegt wird. Sobald das Botox vom Körper abgebaut wurde, wird diese Muskulatur wieder aktiv. Ich lehne es ab, weil es (meistens) Geldschneiderei ist und insbesondere Unklarheit über die Dosierung besteht. Hier lauert das Risiko, schnell zum Versuchsobjekt zu werden. Und möglicherweise wird bei einer Überdosierung die Verödung der Nervenenden tatsächlich ein ernstes Thema.

    In meiner Auseinandersetzung bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es unmöglich ist, einem Muskel im Bewegungszustand Entspannung zu vermitteln. Entspannung funktioniert – nach meiner Ansicht – nur dann, wenn keine Bewegung aktiv ist. Die Hände betreffend ist dies insbesondere in der Spaziergängerhaltung, d. h., wenn die Hände völlig entspannt sind. Möglicherweise meinst aber etwas anderes, und zwar den Einsatz von Mentaltrainig. Ähnlich, wie man beim Zerlegen des Anschlags in den Moment der Vorbereitung des Anschlagsimpulses hervor dringt, nur eben zeitversetzt, d.h. noch während der Bewegung. Dies ist dann ein Weg, der bei Dir funktioniert hat. Über diesen Entspannungsvorgang habe ich bis vor 4 Monaten nichts gewusst bzw. ich kontne nichts damit anfangen, wenngleich wir so eine Diskussion (außerhalb der Dystonie) schon hatten. Mein Coach hat mir eine sehr viel einfachere Methode vermittelt. Ans Zittern bin ich noch nicht gekommen, aber meine Dystonie ist stellenweise rückläufig, stellenweise gibt es deutliche Verbesserung, die von der Konzentration auf unterschiedliche (eigentlich selbstverständliche) Details abhängt, und natürlich von der Intensität. Dabei entdecke ich auch neue Baustellen, wo ich aktuell meinen Coach bemühen muss.

    Die Wahrnehmung der Entspannung beider Hände kann man mit einer sehr einfachen Methode trainieren: Man hält den letzten Griff aus einem Taktfragment und hält auch die letzte Anschlagsbewegung etwas übertrieben, d. h. Fingerkuppen berühren leicht die Innenhand. Dies wird einige Sekunden gehalten, dann lässt man beide Hände in die bewusste Entspannung fallen, auf die man sich mit Vollendung des Anschlags konzentriert. Dies ist anfangs recht zeitaufwändig, geht aber immer schneller ins Unterbewusstsein. Dabei werden die trainierten Enspannungszyklen immer kürzer, sodass auch die Haltezyklen immer küzrer werden, bis sie schließlich so kurz sind, dass das Stück durchgespielt werden kann. Dies ist dann der Idealzustand, den Du mit der Wahrnehmung der Entspannung während des Spiels beschreibst.

    Ich denke, dass man mit Deiner Abhandlung grundlegende Ideeansätze für die Selbsttherapie bekommen kann. Was ich kritisiere, ist das völlige Fehlen konkreter Beispiele. Dadurch verliert sie an Nutzwert. Auch Hilfestellungen fehlen komplett. Abgesehen vom schematischen Ablauf, der außer allgemeine Konzentration auf Entspannung kaum etwas Konkretes enthält, lese ich nur, Du hattest Fokale Dystonie in verschiedenen Ausprägungen. WIE sich Deine Dystonien gezeigt haben, erfährt man nicht. Auch die Einflüsse der unbewussten Selbstmanipulation falsch bewerteter Anschlagsmuster, was sich währnd des fokussierten Konzentrierens auf Entspannung einschleichen kann, wird nicht erwähnt. Mein Coach machte mich auf etwas aufmerksam, auf das ich bei meinen Schülern peinlich genau geachtet habe, das ich aber selbst so falsch gemacht habe, wie ich es meinen Schülern zeigte, dass sie es unbedingt nicht machen sollen. Aber ich sehe Deine Abhandlung auch realtiv. Du hast Deine eigene Erfahrung gemacht mit dem Wissen, dass Du Dir selbst angeeignet hast. Und damit hast Du offensichtlich Erfolg gehabt. Mein Coach hat Erfahrung mit unterschiedlichen Ausprägungen der Dystonie unter Gitarristen. Die ersten Sessions hatten zum Ziel, das Bewusstsein für das Verständnis und die Wahrnehmung der Co-Contraction zu entwickeln. Hiervon hängt alles weitere ab. Ich kann nicht sagen, dass Dein Ansatz falsch ist. Ich denke aber, es ist ein möglicher zur Selbsttherapie, der mir nicht viel helfen würde, weil vieles doch sehr allgemein gehalten ist. Trotzdem muss ich sagen, dass es doch ein hochinteressanter Artikel ist. Auf jeden Fall freut es mich sehr, dass Du den Weg aus der Dystonie gefunden hast, den ich noch vor mir habe.
    Liebe Grüße
    Bernd

  • Markus Autor des Beitrags

    Zitat Bernd C Hoffmann: In meiner Auseinandersetzung bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es unmöglich ist, einem Muskel im Bewegungszustand Entspannung zu vermitteln. Entspannung funktioniert – nach meiner Ansicht – nur dann, wenn keine Bewegung aktiv ist. Die Hände betreffend ist dies insbesondere in der Spaziergängerhaltung, d. h., wenn die Hände völlig entspannt sind. Möglicherweise meinst aber etwas anderes, und zwar den Einsatz von Mentaltrainig.

    Hallo Bernd,

    Es geht um eine Bewegung, bei welcher zwei Antagonisten gleichzeitig ziehen, also beispielsweise Beuger und Strecker (Verkrampfung= beste Voraussetzung für die fokale Dystonie). Wenn also der Beuger zieht, muss die Konzentration auf den Strecker gelegt werden, so dass der nicht gleichzeitig zieht.

    Zitat Bernd C Hoffmann: Die Wahrnehmung der Entspannung beider Hände kann man mit einer sehr einfachen Methode trainieren: Man hält den letzten Griff aus einem Taktfragment und hält auch die letzte Anschlagsbewegung etwas übertrieben, d. h. Fingerkuppen berühren leicht die Innenhand. Dies wird einige Sekunden gehalten, dann lässt man beide Hände in die bewusste Entspannung fallen, auf die man sich mit Vollendung des Anschlags konzentriert. Dies ist anfangs recht zeitaufwändig, geht aber immer schneller ins Unterbewusstsein.

    Das ist es ja: es gibt keine bewusste Entspannung, weil wir das innere Sensorium dafür gar nicht haben. Das muss zunächst entwickelt werden, dann kommt das Zittern, dann erst das Kribbeln, dann die Fähigkeit, den Muskel mit einem bewussten Befehl zu entspannen.

    Wenn Du aufrecht stehst, ist Dir nicht bewusst, welche Muskeln Du benutzt, welche locker sind, wie sich ein Ruhetonus anfühlt. Das Hirn stellt uns die Kontrolle über die Lockerheit normalerweise nicht zur Verfügung, weil wir sie im normalen Leben nicht benötigen. Zur Behandlung der f.D. reicht es nicht, die Hände zu entspannen. Die Hände werden von über dreißig Muskeln bewegt. Du musst leider an den einzelnen Muskel heran, der die Fehlbewegung macht.

    Zitat Bernd C Hoffmann: Was ich kritisiere, ist das völlige Fehlen konkreter Beispiele. Dadurch verliert sie an Nutzwert.

    Erstens gibt es das Beispiel des Gitarristen mit dem gestreckten Zeigefinger, zweitens sind alle fokalen Dystonien gleichen Ursprungs (m.M. nach) und drittens beschreibe ich meine Erfahrungen in einem absichtlich möglichst kurz gehaltenen Beitrag. Lange Abhandlungen werden sowieso nicht gelesen. Stell Dir mal vor, du würdest alles, was Dir Dein Lehrer zum Thema gesagt hat, aufschreiben, das wäre sicherlich seeehr viel Text.

    Zitat Bernd C Hoffmann: Auch Hilfestellungen fehlen komplett.

    Ja logisch! Ich bin ja auch nicht Dein Coach! Und ich kann doch nicht einfach sagen: “Wenn Du diese Dystonie hättest, müsstest Du dieses und jenes tun”. Nein, ich habe angeboten, individuell zu helfen! So wie Dir Dein Lehrer individuell hilft. Man kann doch bei so etwas keine generelle, allgemeingültige Hilfestellung geben.

    Zitat Bernd C Hoffmann: Abgesehen vom schematischen Ablauf, der außer allgemeine Konzentration auf Entspannung kaum etwas Konkretes enthält, lese ich nur, Du hattest Fokale Dystonie in verschiedenen Ausprägungen. WIE sich Deine Dystonien gezeigt haben, erfährt man nicht.

    Das spielt auch eigentlich keine Rolle. Ich kann hier ergänzen, dass mein Mittelfinger einfach nicht mehr traf, weil er sich beim Beugen unbewusst nach außen an der Saite vorbei bewegt hat (Dauereinsatz des Streckers). Dazu kam die ulnare Abduktion der Hand plus Spreizen und Strecken gleichzeitig von Ring- und Mittelfinger. Dazu Daueranspannung des Daumenabspreizers (am zweiten Gelenk) und unkontrollierte Kontraktion des linken Regenwurmmuskels des Zeigefingers als Ausweichbewegunbg für den Mittelfinger… Und nun? Das interessiert doch niemanden. Jede Dystonie muss von Fall zu Fall analysiert und therapiert werden, wozu ich, wie gesagt, meine Hilfe angeboten habe.

    Zitat Bernd C Hoffmann: Auch die Einflüsse der unbewussten Selbstmanipulation falsch bewerteter Anschlagsmuster, was sich währnd des fokussierten Konzentrierens auf Entspannung einschleichen kann, wird nicht erwähnt.

    Man kann sich nur auf eines konzentrieren. Darum lernt ja das Gehirn Bewegungsmuster und Automation. Deshalb zuallerserst Entspannung bei der Bewegung. Erst danach kann man damit beginnen, den Bewegungsablauf zu studieren und ihn neu zu organisieren. Beides gleichzeitig geht nicht, daher kann es vorkommen, dass man eine Bewegung nicht gleich richtig macht. Wenn die f. D. aber erstmal raus ist, stehen Dir alle Wege offen, die Bewegung neu zu erlernen oder die erlernte zu korrigieren.

    Zitat Bernd C Hoffmann: Ich kann nicht sagen, dass Dein Ansatz falsch ist.

    Das wäre auch vermessen, um ehrlich zu sein. Man kann aber sagen, wann etwas richtig ist, und zwar dann, wenn es erfolgreich war. Im Übrigen sage ich auch, dass meine Erfahrungen nicht übertragbar sind, dass ich mich aber nicht wundern würde, wenn der eine oder andere ähnliche Erfahrungen machen würde.

    Zitat Bernd C Hoffmann: Ich denke aber, es ist ein möglicher zur Selbsttherapie, der mir nicht viel helfen würde, weil vieles doch sehr allgemein gehalten ist.

    Ich weiß natürlich, dass ich Dir mit einem solchen bloßen Text nicht helfen kann. Wie auch? Ich denke, das weißt Du auch, sonst hättest Du selbst keinen Individual-Coach. Ich will betroffenen Gitarristen zeigen, dass es einen Ausweg gibt. Mehr nicht. Ob der richtig oder falsch ist, kann gerne überprüft werden – ich habe um konstruktive Kritik und sogar um Widerlegung meiner Thesen gebeten! Aber ich finde, das ist erst möglich, nachdem die Methode probiert worden ist: Probieren geht über Studieren.

    Viele Grüße

    Markus