Fokale Dystonie – Ursachen und Entstehung 2


Ursachen und Entstehung

Wenn einzelne Muskeln, die besonders sensible, feinmotorische Bewegungsabläufe zu bewerkstelligen haben, stattdessen ungewollte und unkontrollierbare Kontraktionen ausführen, nennt man das fokale Dystonie. Betroffen sind meistens einzelne Finger, die sich bei der Ausübung hochpräziser Bewegungsmuster nicht mehr bewusst steuern lassen. “Fokal” kommt von “Fokus”, also ein sehr eingegrenzter Bereich, “dys” heißt “miss-“, also “falsch”, “-tonie” heißt “Spannung” und meint hier den Muskeltonus, also den Grad der Anspannung des Muskels.

 

Wenn ein Gitarrist mit dem Zeigefinger der rechten Hand seine Saite nicht mehr trifft, weil der Finger sich plötzlich streckt, dann handelt es sich um eine sogenannte „fokale Dystonie“, wobei diese nicht die Ursache der Fehlbewegung ist. “Fokale Dystonie” ist lediglich eine medizinische Diagnose, und noch dazu eine ziemlich ungenaue.

 

 

Die Ursachen dieser “Musikerkrämpfe” oder “Beschäftigungsneurosen” sind nicht bekannt, es gibt einige Vermutungen, aber die Forschung tappt eigentlich im Dunkeln. Man ist immerhin schon so weit, dass man die Ursachen im Gehirn sucht und nicht in der Muskulatur, allerdings glaubt man an irgendwelche Fehlfunktionen im Gehirn. Dieser Meinung bin ich nicht.

 

Ich glaube, diese unkontrollierbaren Bewegungen haben wir uns mit großem Fleiß selber beigebracht! Wie komme ich zu dieser steilen These?

 

Bevor ich überhaupt begann, mich mit dem Hirn und seiner Art zu lernen auseinander zu setzen, habe ich mir selbst sechs tatsächlich vorhandene oder im Entstehen begriffene fokale Dystonien in der rechten Hand erfolgreich abtrainiert. Dazu kamen noch drei weitere, immer schlimmer werdende haltungsbedingte Daueranspannungen einzelner Muskeln in der rechten Schulter und im Rücken. Bei diesem Training habe ich nach gründlicher Analyse zuerst mal festgestellt, dass ich alle Fehlbewegungen selbst eintrainiert haben musste, denn ausnahmslos alle hatten irgendwann einmal einen Sinn. Es waren meist unkontrollierbare reflexartige Ausweichbewegungen, zum Beispiel wich der Daumen immer aus, wenn der Zeigefinger anschlug und ähnliches. Ohne die erfolgreiche Therapie meiner Dystonien würde ich es übrigens nicht wagen, mich zu diesem Thema überhaupt zu äußern.

 

Aber erst durch die Beschäftigung mit der Hirnforschung und mit der Arbeitsweise des Gehirns beim Lernen konnte ich dann später verstehen, dass das Gehirn eigentlich nicht falsch lernen kann. Wenn das Gehirn etwas tut, zum Beispiel unsere Muskulatur steuert, und dabei Fehlbewegungen auftreten, so müssen diese Bewegungen in ihrer automatisierten und unbewussten Abfolge genauso erlernt worden sein.

 

Sind dann also die Bewegungen “falsch” gelernt worden?

Nein! Im Gegenteil! Um zum Beispiel von oben zurückzukehren: Bevor unser Gitarrist einen steifen Zeigefinger bekam, hatte er sich mit einem Stück beschäftigt, dass besonders deshalb so schwer zu spielen war, weil darin ein relativ schneller Lauf vorkam. Und je mehr er diesen Lauf übte, desto schlimmer wurden seine motorischen Probleme.

 

Wie kam die Dystonie nun überhaupt zustande? Zunächst übte er den Lauf langsam im angelegten Wechselschlag. Als er den Lauf auswendig konnte, versuchte er, ihn schneller zu spielen. Das gelang auch anfangs, aber als er es noch schneller probierte, funktionierte es nicht mehr, die Anschlagsfinger waren einfach nicht schnell genug. Jetzt musste sein Hirn kreativ werden und nach anderen Lösungen suchen. Denn so lernt das Hirn: immer wieder verschiedene Möglichkeiten ausprobieren, also korrigieren und sich dadurch dem gewünschten Ergebnis immer mehr annähern und zuletzt wird die Variante, die zum Erfolg führt, abgespeichert. Alle Varianten, die nicht zum Erfolg geführt haben, werden vergessen. Alles das geschieht unbewusst.

 

Im Fall unseres Gitarristen war das Problem die zu langsame Rückführbewegung des Zeigefingers in die Ausgangsposition nach dem Anschlag. Die Lösung die funktionierte war die, dass der Streckmuskel des Zeigefingers permanent angespannt blieb, und nicht erst immer dann zum Einsatz kam, wenn der Finger nach dem Anschlag zurückgeführt werden musste. Auch während des Anschlags, also beim Beugen des Fingers zog nun der Streckmuskel, wobei seine Zugkraft beim Anschlag einfach mit schierem Krafteinsatz des Beugers überwunden wurde. Dies war die entscheidende Korrektur des motorischen Ablaufs, die zum gewünschten Ziel führte. Das Bewertungssystem des Hirns hat diese Variante also für erfolgreich erklärt, was sie deshalb war, weil der Lauf nun im gewünschten Tempo gespielt werden konnte. Und Erfolg führt bekanntlich zur Ausschüttung von Glückshormonen, was für das Hirn bedeutet: abspeichern! Wegen dem Erfolg bei dem einen Lauf konnte dieses Bewegungsmuster einschließlich Korrekturmechanismus natürlich gleich auch auf alle anderen schnellen Melodiepassagen übertragen werden. Das heißt, der Wechselschlag war nun als Gesamtpaket motorisch auswendig gelernt worden. In Wahrheit ist dieses Bewegungsmuster natürlich aus ergonomischer Sicht uneffektiv, weil Beuger und Strecker als Antagonisten gleichzeitig arbeiten. Aber einmal gelernte Bewegungsmuster haben nun mal die Eigenschaft, willentlich nicht mehr beeinflusst oder durch “Umlernen” einfach abgeändert werden zu können (Handschrift, Sprachmotorik, Schleife binden, Tastaturbedienung, Gang…).

 

Bewegungsmuster, bei denen Antagonisten gleichzeitig arbeiten, sind die beste Voraussetzung für die Entwicklung fokaler Dystonien. Wenn bei unserem Gitarristen aus irgendwelchen Gründen ein Lauf mal nicht gleich klappte, korrigierte das Hirn einfach mit der Erhöhung der Zugkraft des Streckers. Jeder bewältigte schnelle Lauf wurde dem Gehirn als Erfolg vermeldet und die Korrekturmethode ein ums andere Mal bestätigt.

 

Wenn nun aber ein noch höheres Tempo bei Läufen technisch einfach nicht mehr zu bewältigen ist, dann gibt es jetzt keine Möglichkeit mehr, etwas am abgespeicherten Bewegungsmuster zu verändern, denn dieses ist im Unterbewusstsein abgespeichert, und darauf haben wir keinen Zugriff. Deshalb greift das Gehirn bei Fehlversuchen immer wieder automatisch auf die gleiche Weise korrigierend ein: permanente Anspannung des Streckers und Erhöhung des Muskeltonus. Und da das Hirn, effizient wie es arbeitet, nicht immer bei jedem neuen Versuch einzeln korrigieren will, speichert es die Dauerkorrektur einfach als dazugehörig zur Motorik des Wechselschlag-Bewegungsmusters ab. Das Hirn speichert das nun nicht mehr ab, weil ein Erfolg erzielt wurde, sondern aus Gründen der Effizienz: so kann es seinem Besitzer am besten dabei helfen, andauernd seine Fehlversuche zu produzieren. Und also zieht der Zeigefingerstrecker irgendwann permanent, immer wenn der Gitarrist Melodiepassagen spielen will. Auch die Stärke des Zugs im Muskel (der Tonus) wird immer mehr erhöht und auch das wird mit fortwährender Arbeit am Instrument aus Effizienzgründen einfach abgespeichert und fließt in die Motorik ein.

 

Irgendwann merkt unser Gitarrist, dass mit seiner Motorik etwas nicht stimmt und dass sein Zeigefinger sich verselbständigt. Und jetzt konzentriert er sich vielleicht zum ersten Mal auf die Bewegungen seiner Finger und nicht mehr auf das Instrument. Aber auch wenn er jetzt versucht, das Strecken des Zeigefingers irgendwie zu unterbinden, geht beim Hirn die Meldung einer falschen Bewegung ein und es reagiert mit der einzigen als richtig gelernten Korrekturmethode, und das inzwischen im Dauermodus. Und jetzt haben wir es tatsächlich mit einer ausgewachsenen fokalen Dystonie zu tun.

 

Das kann so weit gehen, dass der Gitarrist nur an die Gitarre denken muss und sich dabei unwohl fühlt, weil er daran denkt, dass er beim Spielen garantiert Fehler machen wird, und schon streckt sich der Zeigefinger.

 

Ein befreundeter Gitarrist hat eine fokale Dystonie, bei welcher sich der Daumen automatisch in die Innenhand beugt. Das tut er aber längst nicht mehr nur beim Gitarrespielen, sondern immer dann, wenn er irgendetwas greifen will, zum Beispiel eine Kaffeetasse. Bei ihm scheint es so zu sein, dass inzwischen bei jeder Greifbewegung der rechten Hand ein Alarmsignal an die Motorik gesendet wird: “Achtung, es könnte etwas schiefgehen”, worauf das Hirn sofort mit der gelernten Korrektur eingreift.

 

 

Aber trotz dieser wirklich unangenehmen Erscheinungen kann man nicht behaupten, das Gehirn hätte irgendwelche Fehlfunktionen oder hätte etwas falsch gelernt. Der motorische Ablauf funktioniert zwar am Ende nicht mehr, aber das konnte das Gehirn damals nicht wissen, als es ihn auswendig gelernt hat, denn der war damals genau der richtige. Das Gehirn will uns nur helfen! Und auch jetzt, da der Gitarrist bereits unter Krämpfen leidet, “hilft” es ihm mit genau der Lösung, die es gelernt hat.

 

Wie gesagt, kann ein einmal gelerntes Bewegungsmuster nicht mehr willentlich beeinflusst werden. So kann man auch seine Handschrift nicht mehr verändern, selbst wenn man es will oder sogar fleißig daran übt. Darum ist auch das Fälschen einer Unterschrift so schwierig, weshalb es den Beruf des forensischen Schriftgutachters überhaupt gibt.

 

Warum kann das Gehirn die Bewegung nicht einfach neu lernen oder mit erneuten Korrekturen die übermäßige Kontraktion des Muskels abstellen? Weil das Bewertungssystem des Gehirns keinen Erfolg vermelden kann! Denn nur bei Erfolg speichert es den neuen motorischen Ablauf ab. Was auch immer wir versuchen, das Gehirn reagiert mit der gelernten Korrektur, weshalb es immer zum Misserfolg kommen muss. Um die fokale Dystonie erfolgreich zu behandeln, müssen wir das Hirn ein wenig austricksen. Das ist das Thema des Beitrags “Fokale Dystonie – Therapie”.

 

 

 

 

Anmerkung:

Mein Fachgebiet ist das Gitarrespiel und ich richte mich an Gitarristen, die ihre eigenen Beschwerden verstehen wollen. Was ich hier zu beschreiben versuche, beruht auf meinen eigenen Erfahrungen mit der fokalen Dystonie und meinen dagegen vergleichsweise bescheidenen Kenntnissen über die Arbeitsweise des Gehirns. Ich würde mich also auf letzterem Gebiet höchstens als informierten Laien bezeichnen. Deshalb möchte ich jeden bitten, der Spezialist auf diesem Fachgebiet ist, das Geschilderte konstruktiv zu kritisieren, zu ergänzen oder zu widerlegen! Ich lerne gern dazu!

 

Markus Krutzfeld, 2017


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

2 Gedanken zu “Fokale Dystonie – Ursachen und Entstehung

  • Bernd C. Hoffmann

    Hallo Markus,

    eine gute Sichtweise! Dennoch bin ich in wenigen Punkten als Betroffener anderer Meinung. Beispielsweise hatte ich meine Handschrift geändert. Auch ist es möglich, durch eigene Willenskraft den Gang zu ändern, zumindest vorübergehend.
    Auf Grund meiner Auseinandersetzung mit der Thematik bin ich insbesondere zu der Überzeugung gekommen, dass man sehr wohl Zugriff auf das Unterbewusstsein hat. Hier liegt Schwierigkeit darin, den richtigen Kanal zu öffenen oder ihn erst zu finden. Dann geht – natürlich mit sehr viel Geduld (!) – (bei mir) unter Einsatz von Mentaltechnik die richtige Teilbewegung in kleinen aber langwierigen Schritten als “korrekte Information für das zu aktivierende Bewertungssystem” ins Unterbewusstsein über. Entschuldige bitte den e. g. schwulstigen Satz, denn ich ich weiß es nicht anders zu artikulieren. Den Teil zwischen den Anführungszeichen verstehe ich entgegen Deiner durchaus plausiblen Beschreibung nicht als sequenziellen sondern als verzahnten, d. h. ineinander übergreifenden Prozess. Hätte ich diese Erkenntnis nicht auf meinem Weg mit der Dystonie gewonnen, dann wäre ich bei Deiner Ansicht geblieben. Ich denke aber, das thematische Betrachtung sehr viel bewusster geschieht, sobald ein Betroffener Deine Abhandlung liest. Hier mag es auch einen besonderen Einfluss haben, dass mich ein Gitarrist gecoacht hat, der den Bewegungsapparat sehr gut kennt und schon öfters betroffene Gitarristen helfen konnte.

    Zusammenfassend kann ich sagen, dass Du das Problem anschaulich gut beschrieben hast. Lobenswert ist v. A., dass Du unrelevante Nebengleise komplett außer Acht gelassen hast. Hier

    • Markus Autor des Beitrags

      Hallo Bernd,

      vielen lieben Dank für Deinen Kommentar!

      Über die Hintergründe der fokalen Dystonie wissen ja noch nicht einmal die Hirnforscher genau Bescheid! Sie sehen im Gehirn vergrößerte „Relais“ jener Muskeln, die zu stark ziehen, und postulieren Fehlfunktionen im motorischen Steuerungsapparat. Und es gibt auch meiner Ansicht nach nur wenige Lehrer, die ihren betroffenen Schülern wirklich helfen können – leider!

      Natürlich habe ich keine allgemeingültige und abschließende Erklärung. Aber wenn irgendwann einmal irgend jemand eine hat, wird sie wahrscheinlich in einer 500 Seiten starken Doktorarbeit stehen, und kein betroffener Instrumentalist wird sie jemals lesen. Ich wende mich hingegen an Gitarristen, die ihre eigene Situation verstehen wollen und biete eine nachvollziehbare Erklärung an, die allerdings lediglich als theoretische Grundlage für die Therapie gelten soll. Das Problem sollte nicht verkopft, sondern praktisch gelöst werden. Denn darum geht es letztlich: um die Heilung!

      Ich verweise deshalb besonders auf den zweiten Teil, in welchem ich meine persönliche Herangehensweise beschreibe. Diese hat übrigens so gut funktioniert, dass meine fokalen Dystonien vollständig beseitigt sind – egal, was die Neurologen mir über die Fehlfunktionen meines Gehirns erzählen wollen 🙂

      Wenn Dein Weg ein anderer war und er erfolgreich gewesen ist, freue ich mich sehr für Dich! Und ich würde mich glücklich schätzen, wenn Du uns an Deinen Erfahrungen im Kommentarbereich unter dem Therapie-Beitrag oder im Klassikgitarre-Forum teilhaben lassen würdest! Wenn man sieht, wie sehr betroffene Gitarristen unter ihren Beschwerden leiden, ist es sicher sehr schön und befreiend für sie, zu wissen, dass es Auswege gibt!

      Viele Grüße

      Markus