Über das Üben


Was ist Üben überhaupt?

Üben ist ein Lernprozess, dessen Ziel darin besteht, eine geistige oder körperliche Fertigkeit zu beherrschen. Da Gitarrespielen ein motorischer Vorgang ist, lernen wir beim Gitarre üben Bewegungen zu beherrschen. Auch ein vermeintlich statischer Griff, den wir mit unserer linken Hand greifen, ist ursprünglich eine Bewegung, nämlich die Bewegung jedes einzelnen Fingers an seine Position, die er in diesem Griff einzunehmen hat. Das Lernen von Griffen ist beim Gitarrespiel überhaupt kein Problem, das Schwierige ist immer das Umgreifen, also das Bewegen der Finger von einem Griff zum nächsten. Es ist dabei egal, ob es sich um Standardgriffe der Liedbegleitung oder um komplexere Griffgebilde beim Solospiel handelt. Zusätzlich zum Greifen mit der linken Hand wird der Ton mit der rechten erst zum Klingen gebracht, er wird angeschlagen oder gezupft. Die Synchronisation beider Hände ist ebenfalls ein motorischer Vorgang, hierbei müssen Bewegungen genau aufeinander abgestimmt werden.

 

 

 

Wie übt man Bewegungen so, dass sie fehlerfrei abrufbar sind?

Durch Wiederholung und in kleinen Abschnitten. Unser Hirn lernt alles durch Wiederholung und was nicht wiederholt wird, wird vergessen. Bewegungen werden bei Bedarf im Hirn als solche abgespeichert, damit sie jederzeit abrufbar sind. Die Bewegungen sind automatisiert, das heißt, sie können ausgeführt werden, ohne dass ihr Ablauf bewusst gesteuert werden muss.

Wie erlernen wir überhaupt Fertigkeiten, beispielsweise das Schreiben? Zuerst durch den ständig wiederholten Versuch, die einzelnen Buchstaben zu „malen“, dann durch das Schreiben von erst einfachen, dann komplexeren Buchstabenkombinationen (Wörtern) usw.. Ehe man eine automatisierte und individuelle Handschrift hat, vergehen schon ein paar Jahre. Und in dieser Zeit haben wir nahezu täglich mehrere Stunden geschrieben, dabei wurden wir immer besser, sicherer und schneller. Und so ist es mit allem, was wir können, wir haben es durch Wiederholen erlernt, automatisiert und dann immer weiter verbessert, vom Laufen über das Sprechen bis zum Fahrrad fahren.

 

 

 

Was heißt, in kleinen Abschnitten?

Wenn wir ein Gedicht mit 12 Strophen auswendig lernen sollen, werden wir auch nach vielen Wochen nicht zum Ziel kommen, wenn wir das Gedicht immer wieder von vorn bis hinten durchlesen. Für das Gehirn ist der Brocken einfach zu groß. Darum macht es jeder Schüler instinktiv richtig, er lernt nur die ersten zwei Zeilen der ersten Strophe und wiederholt sie mehrmals, dann erst lernt er die nächsten beiden Zeilen, danach versucht er, alle vier Zeilen der ersten Strophe aufzusagen, bevor er mit der zweiten beginnt. Der Schauspieler lernt seinen manchmal seitenlangen Text genauso: in kleinen Portionen. Beim Erlernen von motorischen Abläufen, wie dem Gitarrspiel, ist es nicht anders: kurze Bewegungsabläufe lassen sich viel einfacher auswendig lernen als lange.

 

 

 

Wie oft muss eine musikalische Stelle gespielt werden, bis man sie auswendig kann?

Manche Musiker lernen auswendig, indem sie sich die Noten, die Harmonien, die Griffbilder oder die Fingerfiguren auf dem Griffbrett merken. Für mich heißt auswendig: motorisch auswendig. Die Bewegungen beim Spielen werden so lange geübt, bis sie automatisiert sind. Das Hirn weiß dann, wo die Finger als nächstes hin müssen, ich brauche mich nicht mehr an Noten oder Griffbilder erinnern. Die Bewegung selbst ist auswendig gelernt. Zuerst lerne ich die Stelle, sagen wir zwei Takte, so auswendig, dass ich nicht mehr in die Noten schauen muss. Das Zieltempo spielt jetzt noch überhaupt keine Rolle, daher spiele ich sehr langsam, denn dabei brauche ich am wenigsten Kraft und ich kann mich am besten auf den Lerninhalt konzentrieren. Dann wird diese Stelle 50 Mal wiederholt – und ja, ich zähle mit! Wenn ich zwischendurch vergessen habe wie es weitergeht, versuche ich erstmal, mich ohne Noten zu erinnern, nur wenn es gar nicht mehr geht, schaue ich rein. Am Anfang fällt das ganz schön schwer, aber mit jeder Wiederholung wird es besser. Nach der 50. Wiederholung höre ich auf und mache das Gleiche mit der nächsten Stelle.

Am nächsten Tag wiederhole ich jede Stelle wieder 50 Mal, am dritten Tag mindestens 35 Mal. Zwischendurch versuche ich, das Stück im Ablauf zu spielen, spiele also die geübten Stellen nacheinander. An den folgenden Tagen wird jede Stelle noch mindestens 25 Mal gespielt, selbst wenn ich sie schon kann. Nach sieben Tagen ist das Geübte motorisch auswendig gelernt, also automatisiert. Das heißt, ich kann das Stück spielen, ohne mich darauf konzentrieren zu müssen. Mein Körper kann es auswendig. Und jetzt kann ich mich voll auf die Musik konzentrieren, jetzt kann ich bewusst gestalten, da ich mich nicht mehr auf den Ablauf des Stück es und auf die Bewegungen der Finger konzentrieren muss.

 

Sind diese Wiederholungen wirklich nötig?

Ja, sofern man ein Stück wirklich auswendig können will, nämlich motorisch auswendig. Ich beschreibe dir das mal an einem Beispiel. Vor einiger Zeit wollte ich das Bourree in e-moll von J.S. Bach spielen lernen. Da der zweite Teil schwerer und komplexer ist als der erste, fing ich mit dem zweiten Teil an. Der besteht aus 16 Takten und ich nahm mir vor, an einem Tag vier Takte zu lernen. Also erarbeitete ich mir erstmal diese ersten vier Takte. Nach etwa 15 Minuten hatte ich sie ungefähr im Kopf. Jetzt begann ich damit, sie 50 Mal zu wiederholen. Jeder Durchgang dauert in langsamem Tempo inklusive Übergang zum nächsten Takt etwa 15 Sekunden. Also vier Durchgänge pro Minute. Nach knapp 13 Minuten ist man also mit den 50 Wiederholungen durch! Gut, manchmal fiel mir noch eine bessere Griffvariante ein, manchmal wusste ich nicht weiter und schaute nochmal in die Noten. Sind wir großzügig: ich brauchte 20 Minuten. Danach hatte ich noch Zeit und dachte, dann mache ich gleich mit den nächsten vier Takten weiter. Hierfür brauchte ich wieder ungefähr 35 Minuten: 15 für das Erarbeiten, 20 für die Wiederholungen. Ich hatte immer noch Zeit und nahm mir die nächsten vier Takte auch noch vor. Das reichte dann für den einen Tag. Ich hatte in einer Stunde und 45 Minuten das halbe Stück (es besteht aus insgesamt 24 Takten) auswendig gelernt, obwohl ich mir nur vier Takte vorgenommen hatte. Gut, ich konnte es noch nicht wirklich und auch nicht im Tempo, aber der Grundstein war gelegt.

Am nächsten Tag wiederholte ich die Einzelstellen wieder jeweils 50 Mal. Das ging schon viel besser als am Vortag, ich brauchte für jede Einzelstelle insgesamt um die 10 Minuten. Jetzt nahm ich mir die letzten vier Takte des zweiten Teils vor und nahm mir viel Zeit, denn es sind die schwersten des ganzen Stücks. Erstmal bastelte ich eine Weile am Fingersatz, schaute mir andere Interpreten an. Das dauerte mindestens eine Stunde. Dann begann ich mit den Wiederholungen. Diesmal spielte ich noch langsamer, um nicht fest zu werden und jede Bewegung unter Kontrolle zu behalten. Zwischendurch fielen mir auch immer wieder Verbesserungen am Fingersatz ein. Sagen wir, ich brauchte etwa 30 Minuten für die 50 Wiederholungen. Damit hatte ich an diesem Tag zwei Stunden geübt und konnte den zweiten Teil des Stücks schon recht gut auswendig.

Am dritten Tag wiederholte ich die ersten drei Abschnitte jeweils 40 Mal, den vierten 50 Mal, dafür brauchte ich etwa 45 Minuten. Dann begann ich mit der Arbeit am ersten Teil, der besteht aus acht Takten. Wieder übte ich erst die ersten vier, dann die nächsten vier. Der erste Teil war im Vergleich zum zweiten Teil so überraschend einfach, dass ich sehr gut voran kam. Ich übte am ganzen ersten Teil vielleicht eine Stunde. Es fing allmählich an, Spaß zu machen.

Am vierten Tag wiederholte ich die Einzelhäppchen des zweiten Teils jeweils 35 oder 40 Mal, dann versuchte ich, alles im Zusammenhang zu spielen. Das klappte auch ganz gut. Dann wieder der erste Teil: die ersten vier Takte 50 Mal, dann die nächsten. Da der erste Teil so gut lief, spielte ich den auch gleich im Durchlauf. Um es kurz zu machen: am fünften Tag konnte ich das Stück komplett motorisch auswendig, wofür ich täglich etwa zwei Stunden geübt hatte. Natürlich übte ich an den darauffolgenden Tagen immer wieder beide Teile im Durchlauf, dann das ganze Stück. Auch hier zählte ich mit: 20 Komplettdurchläufe hatte ich mir täglich vorgenommen.

Gut zwei Wochen nachdem ich das Stück angefangen hatte, konnte ich es dann zum ersten Mal live vor Publikum spielen.

 

Wieviel muss man üben?

Das kommt darauf an, wo du hin willst und wie groß dein Repertoire werden soll oder bereits ist. Für die Kindergärtnerin, die ein paar Kinderlieder mit ihrer Gruppe singen will, reicht eine halbe Stunde an drei Tagen in der Woche. Für den ambitionierten Rhythmusgitarristen in einer Rockband ist es vielleicht eine halbe Stunde pro Tag. Der Sologitarrist der Band sollte schon ein bisschen mehr üben, er benötigt am Tag etwa eine Stunde, je nachdem, wie anspruchsvoll die Soli sind. Klassische Gitarristen, die als Solisten auftreten, üben zwischen drei und fünf Stunden am Tag. Die ganz großen Virtuosen haben meistens sehr früh in ihrer Kindheit angefangen und sehr viel geübt. Paco de Lucia hat schon als Kind mehr als acht Stunden am Tag geübt. Die Übungssitzungen von Al di Meola am Berklee College in Boston sind Legende, sie dauerten oftmals zwölf Stunden. Solche Übungszeiten sind notwendig, um sich die spektakuläre Virtuosität zu erarbeiten. Später ist ein solches Übungspensum nicht mehr notwendig, da muss das Niveau nur noch gehalten werden, wofür etwa drei Stunden am Tag ausreichend sind, wie der Konzertgitarrist Manuel Barrueco zu Protokoll gibt.

 

 

 

Täglich üben oder einmal in der Woche?

Du lernst viel effizienter, wenn du täglich eine halbe Stunde übst, statt einmal in der Woche drei oder vier Stunden. Der Grund dafür ist das Vergessen: wenn du ein Lied oder Stück eine Woche lang nicht spielst, brauchst du erstmal eine ganze Weile, bis du dich wieder erinnerst, wie du es gespielt hattest. Dabei geht wertvolle Übungszeit verloren. Wenn du hingegen täglich übst, ist der Lerninhalt vom Vortag noch viel präsenter und du kommst viel schneller voran. Außerdem macht tägliches Üben viel mehr Spaß, denn du kannst dich an jedem Tag an deinen Fortschritten erfreuen.

 

 

 

Motorik und Automation

Motorisch etwas auswendig zu lernen bedeutet auch, dass man alle anderen Bewegungen, die man während der Wiederholungen macht, die aber nichts mit dem eigentlichen Gitarrespielen zu tun haben, ebenfalls auswendig lernt. Dazu gehört jede Muskelanspannung beim Halten der Gitarre, jede verkrampfende Muskelanspannung beim Bewältigen schwieriger Stellen, auch jede Zuckung im Gesicht, die wir unbewusst machen, wenn wir uns gerade auf eine schwere Stelle konzentrieren. Es ist daher fundamental wichtig, eine lockere Haltung zu haben, sehr langsam zu üben und sich die lockerste Variante für das Umgreifen von einem Griff zum anderen herauszusuchen. Tut die rechte Schulter nach einer Weile weh, hast du sie wahrscheinlich die ganze Zeit lang hoch gezogen. Also musst du dich beim weiteren Üben zusätzlich zu deinem eigentlichen Lerninhalt noch darauf konzentrieren, die Schulter locker herab hängen zu lassen. Sonst übst du diese Körperhaltung mit in den Bewegungsablauf deines Stücks ein und du kannst es nun nicht mehr ohne hochgezogene Schulter spielen.

 

 

 

Was ist locker, was ist fest?

Viele Gitarristen haben mit ihrer festen Spielweise Probleme, wissen aber nicht genau, was sie eigentlich falsch machen. Eine Bewegung ist dann locker, wenn sie mit dem minimalen Aufwand an Muskelanspannung ausgeführt wird. Das gilt auch für Haltungen, also das bewegungslose Verharren in einer Position, zum Beispiel das Sitzen. Minimaler Aufwand an Muskelanspannung bedeutet, dass für eine Bewegung nur der oder die Muskeln zum Einsatz kommen, die dafür vorgesehen sind. Machen bei dieser Bewegung darüber hinaus Muskeln mit, die dafür nicht benötigt werden, dann ist das keine lockere Bewegung mehr. Wenn ein Gitarrist mit den Fingern der rechten Hand zupft, sie also beugt, dabei aber gleichzeitig die Streckmuskulatur der Finger einsetzt, was man zum Beispiel an einem abgespreizten kleinen Finger erkennen kann, dann ist diese Bewegung nicht locker. Der Einsatz von Fingerbeugern und Fingerstreckern gleichzeitig führt dazu, dass das eigentliche Zupfen nur mit einem erhöhten Krafteinsatz der Beuger erreicht werden kann, weil zusätzlich zur gewünschten Bewegung noch die Zugkraft der Strecker überwunden werden muss. Hier arbeiten direkte Antagonisten gleichzeitig und eine solche Bewegung nennen wir fest.

Grundsätzlich sind feste Bewegungsabläufe viel unpräziser und schlechter steuerbar als lockere. Der Mensch neigt dazu, Bewegungsabläufe, die er noch nicht beherrscht, am Anfang mit einer erhöhten Muskelspannung auszuführen. Er spannt alle Muskeln gleichzeitig an, weil er dadurch das Gefühl hat, seinen Körper besser unter Kontrolle zu haben. Je mehr er sich dann die Bewegung zu eigen gemacht hat, desto weniger Muskeln setzt er ein und er wird nach und nach lockerer. Man kann das gut beobachten bei Kindern, die zum ersten Mal versuchen, Fahrrad zu fahren. Die Arme sind total verkrampft, der Lenker schlackert unkontrolliert hin und her. Erst mit der Übung wird das Kind lockerer und damit sicherer. Beim Gitarrespielen ist es genauso. Du kannst nicht erwarten, einen Barreegriff nach zwei Tagen zu beherrschen, wenn deine linke Hand noch nicht das Gefühl für den Gitarrenhals hat und wenn die Muskeln noch gar nicht wissen, wie stark sie ziehen müssen, um einen solchen Griff zu greifen. Wann immer wir auf der Gitarre etwas neues lernen, eine neue Technik, ein neues Stück, müssen wir damit rechnen, dass wir das am Anfang noch uneffektiv und mit viel zu viel Kraft versuchen. Wenn du dir im Laufe des Übens die Bewegungsabläufe erarbeitest und sie automatisierst, wirst du viel lockerer spielen und damit auch sicherer werden.

 

 

Wie motiviert man sich, zu üben?

Für einige Gitarrenschüler ist das Üben ein Gräuel. Was ihnen fehlt ist Motivation. Autodidakten sind oft viel mehr motiviert als die Musikschulschüler, die nur deshalb zum Unterricht gehen, weil sie einen weiteren wöchentlichen Termin haben. Woran liegt das?

Es liegt an dem, was man sich vom Gitarrespielen erwartet und erhofft. Der Autodidakt ist jemand, der von irgendetwas träumt, vom Erfolg, von musikalischer Bildung, davon, ein bestimmtes Stück spielen zu können. Für ihn ist Üben normal. Er weiß, wo er in Bezug zu dem was er erreichen will, ungefähr steht. Und er übt umso intensiver, je wichtiger ihm seine Ziele sind. Der unmotivierte Musikschulschüler kommt vielleicht zum ersten Unterricht, nachdem ihm die Eltern angeboten haben, ihm das Gitarrelernen zu ermöglichen. Natürlich möchte jeder Gitarre spielen können, meistens haben Kinder aber gar keine Vorstellung davon, was sie damit anfangen sollen. Sie sehen den einen oder anderen Popstar und möchten „das auch können“. Jetzt kommen sie zum Unterricht und der Lehrer zeigt ihm im besten Fall die ersten Griffe, die der Schüler in einem Lied verwenden kann, das er sich sogar selbst ausgesucht hat. Jetzt erst merkt er, dass Gitarrespielen schwieriger ist als es beim Popstar aussieht und er spürt, dass er noch viel Arbeit vor sich hat. Sein Tagesablauf wird sich ändern, denn er muss auf andere Freizeitaktivitäten verzichten, er muss letztlich seine Komfortzone verlassen. Aber er weiß immer noch nicht, wofür eigentlich. Wenn du nicht weißt, warum du dich mit dem Erlernen eines Instruments herumschlagen sollst, empfehle ich dir, mal ein bisschen zu träumen, auch von Erfolgen, vom tollen Gefühl, in einer Band zu spielen, davon, mit der Musik neue Leute kennen zu lernen oder davon, etwas zu können, was andere nicht können.

Träumen gibt dem ganzen überhaupt erst einen Sinn. Jeder echte Künstler ist ein Träumer. Ja, es geht natürlich um Hoffnung, aber alles was wir neu erlernen, hat mit der Hoffnung zu tun, dass das Erlernte unsere Lebensqualität und unser Selbstbewusstsein steigert. Hoffnung ist ein großartiger Motivator! Autodidakten haben diese Hoffnung ständig und sie entwickeln aus ihr heraus den Willen, etwas aus sich zu machen. Das ist die richtige Grundeinstellung.

Oftmals stoßen wir beim Üben an Grenzen: wir können bestimmte Lagenwechsel oder Griffe nicht richtig, wir spielen zu langsam usw.. Wie motiviert man sich in solchen vermeintlichen Sackgassen?

Wenn wir etwas nicht können, müssen wir analysieren, was genau wir nicht können. Was an einem Griff genau ist so kompliziert? Warum treffe ich beim Lagenwechsel nie den richtigen Bund? Warum genau bin ich zu langsam? Die Antworten liegen immer in ineffektiv oder zu kraft-intensiv ausgeführten Bewegungsabläufen. Suche nach Möglichkeiten, den Griff effizient zu greifen, den Lagenwechsel locker auszuführen. Wenn du schneller werden willst, musst du langsamer üben. Ja, genauso ist das! Erarbeite die Bewegungsabläufe deiner Finger neu und achte darauf, dass du komplett locker bist. Diese neuen Bewegungsabläufe übst du dann sehr langsam bis sie automatisiert sind. Dann wirst Du bald sehr viel schneller spielen können. Übe nie so weiter wie bisher, denn das funktionierte bisher nicht und zieht deine Motivation herunter. Analysiere die Fehler, suche neue Ansätze. Das wird dich garantiert voran bringen.

Der Grund dafür, warum es so viele durchschnittliche Gitarristen gibt, ist genau dieser: sie denken nicht über ihre Spielweise nach, analysieren sie nicht und kennen daher nicht ihre Fehler. All die, die das machen, werden auch besser. Und genau aus diesem Erfolg erwächst wieder weitere Motivation. Die Größe deiner Fortschritte ist unwichtig, solange es welche gibt und du sie dir auch bewusst machst.

 

 

 

Muss man sich einspielen?

Ich habe mich noch nie eingespielt, ich finde, das ist Zeitverschwendung. Es soll dazu dienen, dich locker, deine Muskulatur geschmeidig zu machen. Okay. Dann haben wir uns eingespielt, die Muskeln sind geschmeidig und jetzt beginnen wir damit, unser Stück zu üben. Da ich ja so super eingespielt bin, muss ich mich nun nicht weiter auf die Lockerheit konzentrieren? Falsch! Ich muss mich beim Erarbeiten eines Stückes immer auf die Lockerheit konzentrieren, ich will sie ja in mein motorisches Gedächtnis zusammen mit den Griff- und Anschlagsbewegungen meines Stückes einarbeiten. Und wenn ich ein Stück so erarbeite, dass ich locker spiele, brauche ich auch kein Einspielen. Um es kurz zu machen: das Einspielen („Warm Up“) ist die Ausrede dafür, dass ich mich beim Üben meines Stückes nicht mehr auf die Lockerheit konzentrieren muss.

Vor einem Auftritt spiele ich alles mindestens einmal durch, aber nicht, um meine Finger locker zu machen, sondern um mich zu vergewissern, dass ich alles auch wirklich auswendig kann.

 

 

 

Muss man die Fingermuskulatur trainieren?

Das hat mich mal ein Bassist gefragt, weil er nach langem Spielen Schmerzen im Unterarm der linken Hand hatte. Meine Antwort war: „Du kannst dein ganzes Körpergewicht mit Hilfe von zwei oder drei Fingern an eine Stange hängen. Die Fingermuskulatur ist sehr kräftig, du musst sie nicht trainieren. Wenn du Schmerzen hast, dann setzt du die Muskulatur nur falsch ein, indem du nämlich Beuger und Strecker unbewusst gleichzeitig benutzt. Du machst das, weil du noch unsicher bist und die Stücke nicht wirklich gut beherrschst. Daher kommen deine Schmerzen.“ Er nickte und fing an, seine Stücke zu üben.

 

 

Warum haben Erwachsene größere Schwierigkeiten beim Gitarre lernen als Kinder und Jugendliche?

Zum ersten ist das Gehirn von Erwachsenen nicht mehr auf Lernen eingestellt, sie bewältigen den Alltag mit dem, was sie bereits gelernt haben und sie schöpfen aus ihrer Lebenserfahrung. Wenn ältere Menschen zum Beispiel einen völlig neuen Beruf erlernen, fällt ihnen das deshalb so schwer, weil sie das Lernen verlernt bzw. vergessen haben. Ich erlebe das immer wieder im Unterricht, wenn erwachsene Schüler sich zum Beispiel mit Rhythmus auseinandersetzen. Das fällt ihnen oft viel schwerer als Kindern und Jugendlichen. Zum zweiten hat sich die Muskulatur bei Erwachsenen verändert. Ich habe mich mal mit einem Bodybuilder darüber unterhalten, Bodybuilder kennen sich sehr gut mit Muskulatur aus. Er sagte mir, dass Muskelfasern, die dicht beieinander liegen, aber nicht getrennt benutzt werden, mit der Zeit miteinander „verkleben“. Die Bindehäute wachsen also mit den Muskelfasern zusammen, weshalb die separate Bewegung einer der Muskelfasern physisch schwerer ist als bei jungen Menschen. Wenn also jemand berufsbedingt fast nie seine Finger einzeln bewegen muss, sondern, wie vielleicht ein Handwerker, die Hand lediglich zum Greifen schwerer Werkzeuge benutzt, dann verkleben die Muskelfasern der Fingermuskulatur miteinander. Man kann das natürlich beheben, indem man die separate Bewegung der Finger trainiert, dann funktioniert die Muskulatur wieder wie bei jedem anderen auch. Für angehende Gitarristen mit diesem Problem habe ich den Tipp: Spiele und übe einfach auf deiner Gitarre soviel es geht und versuche, dabei so wenig wie möglich Kraft einzusetzen. Nach wenigen Tagen ist das Problem erledigt.

 

 

Wie übt man schwierige Stellen eines Stückes?

Indem man sie ganz langsam übt. Egal was du übst, welche Spieltechnik hinter der schwierigen Stelle steckt: übe ganz langsam. Seziere jeden Griffwechsel und analysiere die einzelnen Fingerbewegungen. Welcher Finger soll wohin, welcher Finger soll wo liegenbleiben, was klingt am besten, wie ist der Rhythmus genau? Konzentriere dich auf die Lockerheit und wiederhole jeden kleinsten Wechsel täglich 50 Mal. Dann mach mit der nächsten Stelle weiter. Ich habe das oben ja schon beschrieben. Wenn du Dinge üben musst die physisch besonders anstrengend sind, wie Barreegriffe oder große Spreizungen, dann musst du besonders auf Lockerheit achten und unbedingt Pausen machen, bevor es zu Verkrampfungen kommt. Erwarte nicht zu viel auf einmal, aber wenn du an die Lockerheit denkst, wirst du erstaunt sein, wie schnell du voran kommst.

 

 

Ein Beispiel. Für einen Solopart in einem Duo übte ich an einem sehr schnellen Lauf. Mein Ehrgeiz trieb mich zu einem Tempo von knapp 200 bpm in Sechzehnteln. Ich bemerkte schnell, dass mein linker kleiner Finger fest wurde. Also musste ich analysieren, was ich falsch machte. Das Problem war schnell erkannt, die schnellen Greif- und Rückführbewegungen waren fest, ich benutzte Beuger und Strecker permanent gleichzeitig. Also übte ich tagelang eine einzige Stelle, es war die schwerste im Lauf, sie war acht Töne lang. Ich schaute mir die separaten Bewegungen unter dem Aspekt der Lockerheit an: Greifen nur mit den Beugern, Hochnehmen nur mit den Streckern. Das Ganze mit minimalem Aufwand der Muskeln und ohne den Einsatz weiterer Muskeln wie zum Beispiel dem Abspreizer des kleinen Fingers. Nach einer Weile hatte ich ein ganz anderes Spielgefühl: ich hatte den Finger unter Kontrolle. Dann versuchte ich es schneller. Bei ganz hohem Tempo wurde ich wieder fest. Also suchte ich ein bequemes Tempo und übte den Lauf tagelang, immer auf die Lockerheit konzentriert. Und natürlich war es irgendwann auch soweit. Ich konnte den Lauf in vollem Tempo spielen. Von dieser und ähnlichen Übungen zehre ich noch heute, denn ich weiß dadurch, wie es sich anfühlt, wenn ich wegen zu hoher Geschwindigkeit links fest werde und kann sofort dagegen steuern.

 

 

 

Wozu gibt es Etüden?

Etüden sind Übungsstücke, mit deren Hilfe sich der Schüler eine oder mehrere spezielle Spieltechniken erarbeiten kann. Ich halte Etüden für total überflüssig. Sie sind eine Quälerei für die Schüler, sie sind musikalisch oft nicht sehr gehaltvoll und daher auch für das Konzert eher selten geeignet. Im Studium mussten wir ganze Etüdensätze spielen, und wozu? Für das Erlernen einer Technik? Wenn in einem Konzertstück, das ich unbedingt spielen will, schwierige Bindungen vorkommen, sagt der Dozent: „Übe doch hier diese und jene Etüde zwischendurch. Das hilft dir beim Erlernen der Technik“ Ich fand das immer total daneben, weil es mir so ineffizient erschien. Ich mache das anders. Ich nehme mir die Stelle in meinem Stück vor, in der die Bindungen vorkommen. Dann schaue ich mir an, was eine Bindung überhaupt ist, wie die gehen müsste, warum sie bei mir noch nicht geht, und dann übe ich die Stelle. Und dann beherrsche ich die Bindungen auch irgendwann. Und zwar viel schneller, als wenn ich mich zwischendurch noch mit etlichen Etüden belaste. Wenn dir eine Etüde gefällt, spiele sie! Aber nicht zum Erlernen einer Technik! Spiele grundsätzlich das was dir gefällt. Wenn dein Lehrer von dir verlangt, ein Stück zu spielen, dass dir nicht gefällt, wechsele den Lehrer! Gut, im Studium ist das nicht so einfach. Ich habe mich da mit einer gewissen Effizienz irgendwie durchgemogelt und nur das gespielt, was ich unbedingt musste.

 

 

 

Wie wird man schneller?

Die Geschwindigkeit kommt zuletzt und sie kommt von ganz allein, nämlich mit der lockeren und flüssigen Bewegung. Der Körper, genauer gesagt das Gehirn, hat den Bewegungsablauf eines ganzen Stückes irgendwann abgespeichert und der Ablauf ist jetzt auch in höherem Tempo abrufbar. Deshalb muss die Muskulatur auch nicht mehr aus Unsicherheit fest sein, sondern kann ganz organisch und flüssig arbeiten. Besonders virtuose Stellen übst du besonders langsam und besonders intensiv. Dann probierst du es in höherem Tempo. Ändert sich das Spielgefühl und merkst du, dass du fest wirst, gehe mit dem Tempo wieder deutlich zurück. Such dir ein bequemes Spieltempo und spiele locker und flüssig. Manchmal kann das Tage dauern, egal. Danach wirst du etwas können, was du vorher noch nicht konntest! Dafür lohnen sich ja wohl ein paar Tage, oder nicht? Und: du wirst immer Erfolg haben, egal wo du stehst, egal was du schon kannst oder noch nicht. Es geht nicht anders: Arbeit führt zwangsläufig zum Erfolg! Bleib einfach immer dran!

 

 

Markus Krutzfeld, 2017

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